Ich kann meine Füße nicht mehr still halten. Wippe andauernd hin und her und schaue auf die Uhr, doch die Zeit will einfach nicht vergehen. Gleich werde ich IHN sehen. Der, der mir so ein flaues Gefühl im Magen bereitet. Der, der die ganzen Glückshormone in meinem Körper in Bewegung versetzt. Den ich in Wirklichkeit jedoch gar nicht kenne. Ich habe mich virtuell verknallt. Dabei habe ich bisher alle belächelt, denen das passiert ist.
Ich sitze im Physikunterricht. Doch auf den kann ich mich im Moment ganz und gar nicht konzentrieren. Was der Lehrer mir da vorne erzählen will, verstehe ich ja sonst schon kaum. Und heute, wo meine Gedanken doch ganz woanders sind, helfen auch die einfachsten Erklärungen nichts.
Endlich das Pausenklingeln. Nur noch wenige Schritte, ein paar Augenblicke, wenige Sekunden und ich werde mit ihm sprechen können. Diese Gelegenheit bot sich zwar schon desöfteren, doch getraut ihn anzusprechen, habe ich mich noch nie. Er auch nicht, als er mich vor ein paar Tagen erkannte. Da geht man jahrelang an die selbe Schule. Tag ein, Tag aus aneinander vorbei und man bemerkt sich nicht einmal. Bis man sich auf zufälligem Wege kennenlernt und nichts anderes mehr will als sich kennenzulernen.
All das schießt mir gerade durch den Kopf. Meine Hände werden feucht. Der Mund trocken. Lampenfieber ist vielleicht nicht der richtige Begriff dafür, wie ich mich gerade fühle. Trotzdem beschreibt es meine Emotionen in diesem Augenblick am besten.
Eine gute Freundin begegnet mir im Gang. Sie kommt, ich kann den Grund nicht genau einordnen, gerade recht. Mit ihr zu reden und die wertvolle Zeit, die ich eigentlich mit meinem Date verbringen könnte, zu verschwenden, gibt mir ein befreiendes Gefühl. Vielleicht bin ich doch noch nicht bereit für ein Treffen. Vielleicht ist alles ganz gut, so wie es ist. So wichtig kann ER schon nicht sein. Die letzten vergangenen Jahre bin ich ihm auch nie aufgefallen. Ich quatsche was das Zeug hält und mir fällt erstaunlicherweise immer ein neues Thema ein, das sich totreden lässt.
10 Minuten vor dem Stundenklingeln nehme ich allen Mut zusammen und raffe mich auf. Der Verabschiedung von meiner Freundin fällt mir schwer, da sich auf einmal die ganze Spannung in mir wieder aufbaut. Ich fange erneut an zu zittern und laufe so langsam wie möglich Richtung Informatikzimmer die Treppen hinunter. Innerlich hoffe ich, dass er schon wieder weg ist. Warum bin ich nur so ein Angsthase?
Noch einmal um die Ecke, dann habe ich das Infozimmer erreicht. Doch da sehe ich ihn schon stehen. Das Herz fängt an zu pochen. Mein Schritt wird schneller. Ich versuche unbemerkt an ihm vorbeizukommen. Mittlerweile sieht er mich auch und kommt auf mich zu. Jetzt ist kein Entkommen mehr. Als er direkt vor mir steht, fängt er gleich an, mir um den Hals zu fallen. Die Arme um mich geschlungen, hält er mich fest. Ein paar Minuten stehen wir so da und reden kein Wort. Solange kommt es mir zumindest vor. Vielleicht waren es auch nur ein paar Sekunden.
Ich weiß noch genau welche Klamotten er anhatte, wie er sich anfühlte, wie er roch und wie sehr ich dieses “Angekommen sein” genoss. Mir war es ganz egal, wie die herumstehenden Mitschüler uns mittlerweile beobachteten. Wie das Getuschel, das die folgenden Wochen anhalten würde, begann. Ich war einfach nur froh, dass ER da war und sich getraut hat, mich vom Flüchten abzuhalten.
Wir wechseln ein paar kurze Worte – welche, weiß ich nicht mehr genau. Ich nahm seine Hand und streichelte sie. Ich wusste schon vom ersten Augenblick an, dass ich genau den Jungen gefunden habe, den ich suchte. Seine Schönheit war einfach unglaublich. Ich meine: bisher kannte ich ihn ja nur von Bildern und Beschreibungen. Als ich ihn das letzte Mal in der Schule wahrnahm, war er blond. Jetzt schwarzhaarig, viel größer, dünn und schlaksig.
Er konnte sich nicht mehr zurückhalten und küsste mich. Wow, ein unbeschreibliches Gefühl. Seine weichen Lippen berührten meine und ich wollte eigentlich gar nicht mehr aufhören. Meine kleine Welt stand für ein paar Sekunden still, bis mich mein Informatiklehrer aus meinem realen Traum riss. Es scheint in der Zwischenzeit schon geklingelt zu haben und der Unterricht ging los.
Der Informatikunterricht war ein reines Tagträumen. So langsam realisierte und verarbeitete ich, was da gerade passiert ist. Dabei wäre es wegen mir fast gar nicht erst so weit gekommen.
Für die nächste Pause, hatten wir uns schon wieder verabredet.
Bis bald. Tschöö.
